Prof. Dr. Christiane Woopen

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Prof. Dr. Christiane Woopen, Sprecherin der Datenethikkommission des Bundes

Der ethische Preis der Daten
Unser Umgang mit Daten braucht ethische Grundlagen, damit er die Gesellschaft nicht überrollt, sagt Prof. Dr. Christiane Woopen. Wem gehören die Daten, die wir erheben? Wer darf darüber verfügen? Wer soll davon profitieren können? Brauchen wir etwa neue Rahmenbedingungen, um die hohen Gewinne gerechter zu verteilen? Und wie lassen sich Bequemlichkeit und Selbstbestimmung austarieren? Ohne Ethik droht eine ungebremste „Silikolonialisierung“: Statt der Gesellschaft könnten globale Datenriesen das Ruder übernehmen – und unser Verhalten steuern. Auch der Staat kann ein Interesse haben. Auf dem Spiel stehen Würde, Freiheit und Autonomie des Menschen. So wie Ethik Risiken abwehrt, eröffnet sie aber auch Chancen. Sie schützt den Einzelnen, fördert das gesellschaftliche Miteinander und ermöglicht nachhaltigen Wohlstand. Die Ärztin und Ethikexpertin versteht Ethik deshalb vor allem als gestaltende Kraft und fragt: Wie schöpfen wir aus den Daten den Mehrwert, den digitale Technologien versprechen?

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Drei Fragen an Prof. Dr. Christiane Woopen

Frage: Der Oxforder Philosophieprofessor Luciano Floridi sagt nicht zu Unrecht: Wir gehen längst nicht mehr online, wir führen ein onlife. Lässt unsere eigene digitale Verstrickung noch genug Abstand zu, um die neue Datenwelt unvoreingenommen zu diskutieren?

Antwort:
Um etwas unvoreingenommen diskutieren zu können, muss man fähig und bereit sein, unterschiedliche Auffassungen zu verstehen und kritisch – auch selbstkritisch – abzuwägen. Man muss zuhören, verstehen wollen, infrage stellen, Argumente in ihrem Gewicht beurteilen und die eigene Auffassung schließlich begründen können. Man muss Fakten von Meinungen unterscheiden können. All das ist auch möglich, wenn man mit der Sache, die man diskutieren möchte, eng verbunden ist - ganz im Gegenteil kann Erfahrung zu einer guten Diskussion einen wichtigen Beitrag leisten. Das gilt jedenfalls dann, wenn man seine Erfahrungen kritisch reflektiert. Kurzum: Ob wir die Datenwelt ausreichend unvoreingenommen diskutieren können, hängt vor allem von unserer Bereitschaft dazu ab.




Frage: Evan Williams war Mitgründer und CEO von Twitter. Heute meint er, wir muten uns eine Überdosis digitales HighTech zu: „Es ist, als hätte die Gesellschaft gerade erst Zucker oder eine andere Substanz entdeckt, die tief in unsere Psyche und Biologie eingreift. … Wir müssen lernen, das als einzelne wie als Gesellschaft zu kontrollieren, wenn uns an unserer Gesundheit liegt.“ Aus Ihrer Sicht als Ärztin: Stimmen Sie der Diagnose zu?

Antwort:
Digitale Technologien prägen das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft tiefgreifend. 57 Millionen Menschen haben in Deutschland ein Smartphone. Wir verbringen durchschnittlich 4,4 Stunden täglich im Internet, insbesondere bei jüngeren Menschen können es über 7 Stunden sein. Weltweit vernetzt facebook 2,3 Milliarden Menschen miteinander. Der Marktwert von GAFAM – also google, Amazon, facebook, Apple und Microsoft – entsprach 2018 mit 3,8 Billionen US-Dollar etwa dem deutschen Bruttoinlandsprodukt. Wir müssen einen neuen Gesellschaftsvertrag für die digitale Welt entwerfen und brauchen dazu eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, auf der Grundlage welcher Werte wir unsere Gesellschaft gestalten wollen.

Frage: Welche sozialen Netzwerke nutzen Sie? Und durchschauen Sie dort alle Datenschutzeinstellungen (privacy settings)?

Antwort:
Persönlich nutze ich whatsapp, Signal, Threema, Telegram, LinkedIn, Twitter und facebook, allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Die Datenschutzeinstellungen sind bei den Diensten sehr unterschiedlich und nicht immer befriedigend gestaltet, auch wenn die europäische Datenschutzgrundverordnung bei aller öffentlichen Kritik an ihr schon viel Positives bewirkt hat. 


Nachgefragt bei Prof. Dr. Woopen

Frage 1: Welche Tugenden sind Ihnen am wichtigsten?

Frage 2: Mit welchen drei Begriffen würden Sie sich beschreiben?

Frage 3: Was war die bislang tiefgreifendste Veränderung in Ihrem Leben?

Frage 4: Aus welchem Fehler haben Sie am nachhaltigsten gelernt?

Frage 5: Welches Buch hat Sie am meisten beeindruckt?

Frage 6: Welches Rüstzeug sollte nachfolgenden Generationen im Hinblick auf die Digitalisierung Ihrer Ansicht nach unbedingt an die Hand gegeben werden?

Frage 7: Künstliche Intelligenz beflügelt die Mensch bald in jeder Hinsicht. Was macht uns aus Ihrer Sicht als Menschen künftig noch einzigartig?

Frage 8: Von welcher Persönlichkeit würden Sie gerne die Antworten auf diese gestellten Fragen lesen?

Frage 9: Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, würden Sie gerne beantworten?

Frage 10: Hier können Sie Ihre Frage auch direkt beantworten:

Digitale Ethik als gesellschaftliche und unternehmerische Herausforderung
Wie wir mit Datenströmen umgehen sollten

Interview mit Prof. Dr. Christiane Woopen geführt von Kai Heddergott, erschienen in „Wohnungswirtschaft heute“

Ob Privatmensch oder Unternehmer, ob Wohnungsunternehmen oder Mieter: Wir alle erzeugen und verarbeiten heute in unserem Alltag eine erhebliche Menge an digitalen Daten. Die Digitalisierung unseres Miteinanders hat eine solche Dimension erreicht, dass wir uns fragen müssen: Welche ethischen Grundlagen sollten wir für den Umgang mit Daten definieren? Wem gehören die Daten, was macht der allgegenwärtige Datenstrom mit uns und welche Verantwortung erwächst aus der Datenverarbeitung? Wir haben die Medizinerin und Ethikexpertin Prof. Christiane Woopen, Direktorin des ceres (Cologne Center for Ethics, Rights, Economics and Social Sciences of Health), einem interdisziplinären Forschungszentrum von fünf Fakultäten an der Universität Köln, zum Thema „Digitale Ethik“ befragt.

Frage: Frau Prof. Woopen, wie sieht in Zeiten einer umfassenden Digitalisierung der Gesellschaft die richtige tägliche Dosis digitaler Anwendungen und Konversationen aus?

Antwort: Was ist der Maßstab für „richtig“? Richtig scheint mir die Menge digital vermittelter Tätigkeiten dann zu sein, wenn sie den Aufgaben und den Anliegen der jeweiligen Person dient. Das verschiebt sogleich die Frage zum eigentlich interessanten Punkt: Was sind denn die „richtigen“ Aufgaben und Anliegen? Auf diese Frage gibt es keine digitale Antwort, sondern nur eine höchstpersönliche. Die Antwort auf die Frage, was ich mit meinem Leben machen möchte, finde ich nicht in digitalen Medien, die finde ich nur in mir selbst. Einen Maßstab, anhand dessen ich dann feststellen kann, ob die Nutzung digitaler Medien für die Erfüllung meiner Aufgaben und Anliegen gut dosiert ist oder nicht, finde ich auch nur in mir selbst. Es ist der Unterschied zwischen Zufriedenheit und Entfaltung auf der einen Seite und Überdruss und Einengung auf der anderen Seite. Diese Balance kommt für unterschiedliche Menschen sicherlich in unterschiedlichen Dosierungen einher. Eine Maßeinheit für eine „richtige Dosis“ ist jedenfalls keine, die man digital angeben könnte.

Frage: Aus einer vermeintlich moderaten Nutzungsfrequenz digitaler Plattformen und Endgeräte kann ganz schnell so etwas wie Sucht werden. Was hilft uns allen bei der Selbstdiagnose und Prävention digitaler Abhängigkeiten?

Antwort: Es scheint mir nicht plausibel zu sein, dass man von der Digitalität als solcher abhängig ist. Genauso wenig ist man – auch wenn das vom üblichen Sprachgebrauch abweicht – von Alkohol oder Drogen abhängig. Das alles sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur Mittel, Medien eben, die man benutzt, um mit etwas dahinter Liegendem umzugehen. Die eigentliche Abhängigkeit ist diejenige, vermeintlich vor etwas weglaufen zu müssen – und in der Regel ist man es selbst, dem man entkommen möchte. Oder es sind Sehnsüchte, die man auf diese Weise erfüllen möchte und es doch nicht schafft und deswegen immer mehr davon braucht. Sucht heißt, dass man etwas sucht. Wenn man sich die Frage nach dem, was man eigentlich sucht, ernsthaft stellt – und das ist nur ein einziger Punkt, aber der entscheidende –, dann ist man schon auf dem richtigen Weg.

Frage: Unternehmerisches Handeln ist heutzutage zunehmend durch die Anforderungen eines Digital Leadership geprägt. Welche ethische Maxime sollte dem zugrunde liegen – gibt es so etwas wie einen „gesunden“ kategorischen Imperativ für die Digitalisierung?

Antwort: Unternehmerisches Handeln steht wie jedes menschliche Handeln unter den Bedingungen einer besonderen Verantwortung – in diesem Fall derjenigen, für den Erhalt von Arbeitsplätzen, den Menschen fördernde Arbeitsbedingungen und die Stärkung der sozialen Marktwirtschaft einzutreten. Digitalisierung ist dabei nur Mittel, niemals Ziel. Die Maßstäbe für gutes unternehmerisches Handeln im ethisch fundierten Sinne haben sich nicht geändert, nur die Anwendungsbedingungen haben sich gewandelt. Die Schlussfolgerung lautet also: Die ethische Maxime für unternehmerisches Handeln ist unverändert – auch wenn es geschäfts- und marketingfreundlich sein mag, „neue“ Leadership-Konzepte wie die Digital Leadership zu verkaufen. Lediglich die Mittel, die man einsetzen muss und kann, um seine Führungsaufgabe auszufüllen, haben sich weiterentwickelt. Letztlich ist nach wie vor die wichtigste Maxime für eine Führungspersönlichkeit diejenige, sich unverdrossen und unverbrüchlich an der Entfaltung des Menschen zu orientieren. Wenn man es auf eine den Kant’schen kategorischen Imperativ konkretisierende Formel bringen möchte: „Digitalisiere so, dass du die Menschheit in deiner Person und in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck ansiehst und niemals bloß auf Daten und Zahlen reduzierst.“