Rückblende

von Kai Heddergott

Next Level Networking: Im Schulterschluss die digitale Zukunft gestalten

von Kai Heddergott

1. Kongresstag

Der Einstieg in den Aareon Kongress geschieht traditionell „open air“: Ob sportlicher Vergleich auf dem Golfplatz oder das Gemeinschaftserlebnis Mountainbike-Tour – beides hängt vom sprichwörtlichen Kongresswetter ab, das häufig eher durch Regen gekennzeichnet ist, wenn sich die Wohnungswirtschaft zum Aareon Kongress in Garmisch-Partenkirchen trifft. Diesmal gab es wohl einen guten Draht zum Wettergott: Die vielen Bilder auf der mobilen Kongress-Website m.aareon-kongress.de, die von den Teilnehmern wie ein Social Network genutzt werden konnte, zeugten von einer guten Vernetzung des Kongressteams mit den himmlischen Verantwortlichen, denn Sonnenschein und blauer Himmel prägten die vielen Aufnahmen der Golfspieler und Radfahrer. Beim Bayerischen Vorabend gab es dann aber doch wieder den sprichwörtlichen Regen – aber auch einen faszinierenden Doppelregenbogen über dem Skistadion, in dessen Rund das Festzelt stand. Auch dieses Motiv wurde vielfach digital abgelichtet und verbreitet.

2. Kongresstag

Nach der langjährigen Moderation durch Michael Pfalzgraf und Corinna Wohlfeil gab es am ersten inhaltlichen Kongresstag diesmal die Premiere für das neue Moderatoren-Duo: Dr. André Rasquin, Mitglied des Aareon-Vorstands, trat in die Fußstapfen des langjährigen Moderators Michael Pfalzgraf. Zusammen mit der Fernsehjournalistin Corinna Wohlfeil führte er souverän durch das Kongressprogramm, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte.

In seinem Eröffnungsvortrag zeigte der Aareon-Vorstandsvorsitzende Dr. Manfred Alflen, wie sehr die Digitalisierung unser aller Leben im Privaten als auch in der Wirtschaft schon prägt. Neue Trends wie die Entwicklung von zunehmend leistungsfähigen Lösungen auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz führen zu einer weiteren Vernetzung von Datenbeständen, Lösungen und Geschäftsmodellen – Next Level Networking eben. Für die Wohnungswirtschaft ergeben sich neue Herausforderer aus der Digitalwirtschaft, die nun auch in angestammte Bereiche der Branche vordringen. Die Nutzer, die ja auch Mieter sind, haben sich an die Vorzüge digitaler Services gewöhnt und eine Erwartungshaltung entwickelt. Die Wohnungswirtschaft müsse ihr künftig direkt selbst entsprechen können – Digitalisierung tut also not. Die Erfahrungen, die die großen Player auf dem Feld der Plattformökonomie sammeln und zu erfolgreichen Geschäftsmodellen machen konnten, gilt es zu adaptieren. Ein digitales Ökosystem, wie es die Aareon Smart World bietet, ist hier vielversprechend. Mehr als noch zuvor kommt es aber auf die Vernetzung der wohnungswirtschaftlichen Akteure und neuer Marktteilnehmer wie Start-ups aus dem Bereich der PropTechs an.

In seinem anschließenden Vortrag machte der Vorstandsvorsitzende der Aareal Bank Group, Hermann J. Merkens, deutlich, dass die konsequente Auseinandersetzung mit den Trendlinien der Digitalisierung für alle Branchen überlebenswichtig sein wird und illustrierte auf vielfältige Weise, an welchen Punkten unseres Alltags wir den Vorboten der Zukunft schon jetzt begegnen – und eigentlich steckten wir schon mitten in der digitalen Zukunft.

Auf eine gesellschaftliche Ebene wurde das Thema Digitalisierung von Axel Gedaschko, Präsident des GdW, gehoben. Sein Thema war die Klärung der Frage, wie man der sich abzeichnenden digitalen Spaltung begegnen könne und müsse. Diese Spaltung sei nicht nur in der Bevölkerung in Sachen digitaler Bildung, die ein zentrales Gestaltungsfeld der Politik sein sollte, deutlich. Auch in den Entscheidungszirkeln in der (Wohnungs-)Wirtschaft fehlten oft noch Kompetenzen und Ressourcen für die Gestaltung nachhaltiger Digitalstrategien. In fünf Stufen sollte sich die Wohnungswirtschaft auch durch Schulterschluss der Akteure der Herausforderung stellen: Durch eine offene Lagebeurteilung, eine vorausschauende Strategieentwicklung, einer sich ergebenden Prozessoptimierung und anschließenden Prozessdigitalisierung, der Automatisierung von Abläufen und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle – und dies alles stets aus Kundensicht.

Torsten Rau, Direktor Internationales Geschäft bei Aareon, erläuterte bei seiner Premiere als Sprecher auf dem Aareon Kongress die „Digitale Roadmap“. Das bezog sich zum einen auf aktuelle und künftige Lösungen der Aareon Smart World – zum anderen aber auch auf den möglichen Weg, den Unternehmen der Wohnungswirtschaft bei digitalen Transformationsprozessen und der Einführung neuer Lösungen gehen sollten. Die Live-Vorführung einer Augmented-Reality-Anwendung, die das 3D-Abbild des Aareon-Verwaltungsgebäudes auf einen 2D-Stadtplan projizierte und die Live-Interviews mit Kongress-Teilnehmern brachten erfrischende Dynamik in seinen Vortrag.

Die anschließende Keynote hielt Prof. Ulrich Weinberg, der wohl tatsächlich einzige Professor für Design Thinking auf diesem Planeten. Er berichtete von seiner Arbeit am Hasso-Plattner-Institut an der Universität Potsdam und der d.school of Design Thinking – und was die Wohnungswirtschaft aus dem hier gelehrten Ansatz für eigene Innovationsprozesse im Rahmen der Digitalisierung lernen und umsetzen könnte. An seinem Institut werden Studierende mit ganz praktischen Fragestellungen von Unternehmen konfrontiert und entwickeln zusammen mit den Experten aus diesen Unternehmen Antworten auf die gestellten (Zukunfts-)Fragen. Zentraler Aspekt der kreativen Arbeit ist das Aufstellen von inter- und multidisziplinären Teams. Nicht der Wettstreit der Mitglieder untereinander, sondern die am gemeinsamen Ziel orientierte Kollaboration prägt die Projektarbeit, die den Design-Thinking-Ansatz nutzt. Übergreifende, funktionale Teams lösen an einer Organisationsstruktur orientierte Arbeitsbereiche ab. Statt eines Zugriffs auf bekanntes Wissen à la Brockhaus steht die Vernetzung der Akteure untereinander im Mittelpunkt. Oder kurz auf die Formel gebraucht: Wir brauchen weniger IQ als vielmehr WeQ und machen die Kollaboration zum Standard des Zusammenarbeitens, für Innovationsprozesse und den Austausch mit dem Kunden.

Fachvorträge

Die Themensetzungen der Fachvorträge am Nachmittag machten deutlich, wie vielfältig sich die Wohnungswirtschaft mit dem Thema Digitalisierung befasst und sich den fortwährenden Veränderungen stellen kann. Ob neue Geschäftsmodelle, die Einführung einer Mieter-App, neue CRM-Services für WEG-Verwalter und Eigentümer, Facility Management mit mobilen Lösungen oder die neuen Features der Produkte aus der Aareon Smart World – die Agenda bot für jeden etwas. Neu waren die Workshops im Dialog-Format, bei denen die Teilnehmer gewissermaßen im Schnelldurchlauf agiles Miteinander und kreative Prozesse anwenden konnten. Die Ergebnisse aus den Workshops „Smart Quartier“ und „Welche Trends wann kommen werden – eine Tipping Point Tour“ wurden visuell dokumentiert und im Nachgang zur Verfügung gestellt. So erhielten die Teilnehmer vielfältige Impulse dafür, wie sie in ihren eigenen Unternehmen die Diskussionen vertiefen und das bereits einmal erprobte agile Miteinander übertragen und für die zunehmende Vernetzung eigener Geschäftsaktivitäten nutzen können.

Galaabend

Der Abend des zweiten Kongresstags brachte traditionell die Preisverleihung des DW-Zukunftspreises der Immobilienwirtschaft mit sich. Bereits zum 15. Mal verliehen das Fachmagazin DW Die Wohnungswirtschaft und Aareon diese Auszeichnung. 2018 stand der Preis unter dem Motto „Gegen die Klimaplanwirtschaft: Intelligente Lösungen statt noch mehr Regulierung“. Axel Gedaschko, Präsident des GdW und Schirmherr des Preises, überreichte die Auszeichnungen zusammen mit dem Juryvorsitzen Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz-Josef Radermacher an folgende Preisträger:

  • Die Hilfswerk-Siedlung GmbH, Berlin, wurde für ihr Projekt „HWS-Forst“ ausgezeichnet. Bei dem wirtschaftlich rentabel betriebenen Projekt geht es um die nachhaltige Bewirtschaftung eines rund 300 Hektar großen eigenen Waldstücks und die Kompensation des verursachten CO2-Ausstoßes.
  • Die KEG Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH, Frankfurt – eine Beteiligungsgesellschaft der Stadt Frankfurt am Main und der BSMF Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung mbH – hat die Auszeichnung für ihr „Energieplus-Projekt Kamelienstraße – Wärmeversorung durch Kombination erneuerbarer Energiequellen“ erhalten. Beim Bau von 56 Wohnungen in Passivhaus-Bauweise wurden unterschiedliche Konzepte aus dem Bereich erneuerbarer Energien und verschiedene Speichertechniken in eine Gesamtlösung integriert.
  • Die wbg Nürnberg GmbH Immobilienunternehmen hatte ihre Bewerbung mit dem Titel „Von der EnEV-basierten Gebäudemodernisierung zur nachhaltigen energetischen Quartiersentwicklung – Der Weg zur intelligenten Lösung“ überschrieben. Dabei geht es um ein energetisches Quartierskonzept unter Berücksichtigung des ganzheitlichen Ansatzes von modifizierten energetischen Standards, regenerativer Energieerzeugung, intelligenter Verbrauchssteuerung und digitalisierter Datenauswertung. Das Unternehmen denkt nicht in Gebäuden, sondern in Quartieren und bevorzugt intelligente Lösungen statt noch mehr Regulierung.

Irgendwie schien das 2018er-Kongressmotto „Next Level Networking“ auch bei den Music Acts im Anschluss an den Galaabend durchzuschlagen. Der Auftritt von Fresh Music Live (zwei Sänger und zwei Sängerinnen, vier Tänzer, eine fünfköpfige Band) sorgte umgehend für eine direkte Verbindung zwischen Bühne und Publikum und viel Interaktion zwischen Musikern und Kongressteilnehmern. Dasselbe galt für den bis in die Nachtstunden reichenden Auftritt der beiden weiteren Künstlergruppen im Raum Werdenfels – Natascha Wright und Alfred McCrary hatten ebenso schnell einen Draht zum Publikum gefunden wie die Partyband Sugar Pops. Und als ob die Musiker sich abgesprochen hätten, das Kongressmotto auf ein weiteres Level zu heben, kombinierten sie obendrein in einer mitreißenden Jam-Session ihre musikalischen Talente.

3. Kongresstag

Der abschließende dritte Kongresstag bot den Teilnehmern wie gewohnt zwei inspirierende Keynotes, den Aareon-Beiratstalk und die abschließende Talkrunde mit allen Keynote-Speakern.

Den Reigen eröffnete Daniel Domscheit-Berg, IT-Sicherheitsexperte und ehemaliger Sprecher von WikiLeaks. In seinem Vortrag „Zwischen Schutz und Zugänglichkeit: Wie wir Herr unserer Datenströme bleiben“ sprach er nicht nur mit aktuellem Bezug zur DSGVO über den Datenschutz als solchen. Vielmehr war seine Botschaft eine sehr konkrete: Der Monopolisierung von Datenströmen durch Facebook, Microsoft und Co. müsse etwas entgegengesetzt werden, das zur Dezentralisierung führt. Das fange schon bei der für die Digitalisierung nötigen Infrastruktur an. Folgte man zum Beispiel dem Modell schwedischer Kommunen, denen die bis in die Wohnungen reichenden Glasfasernetze gehören, können diese Strukturen für Diensteanbieter vermarktet werden, und das mit für die Wohnungswirtschaft verhältnismäßig kurzen Zeitspannen, nach denen sich die Investitionen rechnen und Ertrag abwerfen – die Wohnungswirtschaft profitiert hier also direkt von der Digitalisierung. Zudem sprach sich Domscheit-Berg für ein unveräußerliches Recht der Bürger aus, personenbezogene Daten als Eigentum zu betrachten. Die Menschen sollten entscheiden, was mit ihren Daten passiert und nicht die Plattformen, auf denen sie bewegt werden. Open Access, Transparenz und Open Source seien die hierfür relevanten Hebel. Die Kombination dieser beiden Ansätze könnte dem hierzulande gültigen Netz-Monopol und der Einflussnahme auch anderer großer Player entgegenwirken und die Position der Bürger, die ja auch Mieter sind, stärken.

Der anschließende Beiratstalk zum Thema „Wie nutzt die Wohnungsbranche ihren Datenschatz?“ brachte Thomas Hegel, Vorstandsvorsitzender LEG Immobilien AG (Düsseldorf) und Aareon-Unternehmensbeirat, Dr. Wolfgang Pfeuffer von der Joseph-Stiftung (Bamberg) und zugleich Wodis-Sigma-Beirat sowie Claudia Goldenbeld (SAP-/Blue Eagle-Beirätin) auf das Podium. Schnell waren sich alle unter Moderation von Corinna Wohlfeil und André Rasquin einig: Den Datenschatz, der sich in allen Wohnungsunternehmen aufgebaut hat, gilt es zu heben und zu veredeln – aber eher anonymisiert denn personenbezogen. Big Data dürfe nicht zu Lasten des Datenschutzes gehen. Unklar blieb noch die Positionierung gegenüber den Big Playern auf dem Markt der Informations- und Datenströme wie Facebook, Google und Co. – die Herausforderung, hier mit einem gereiften Datenschatz und ausgebauter Expertise zur Datenanalyse ein Standing zu entwickeln, wurde vom Panel als Zukunftsaufgabe verstanden.

Die letzte Keynote des diesjährigen Kongresses präsentierte Gerd Leonhard, Futurist und Zukunftsberater. Er ging der Frage nach, ob im Zuge der Bedeutungszunahme von Künstlicher Intelligenz und digitaler Prozesse eine digitale Ethik nötig sei. Für ihn steht fest: Digitale Lösungen an sich haben keine Ethik. Erst ihre Anwendung durch den Menschen macht sie zu etwas Gutem oder etwas „Bösem“, beides wohne ihnen inne – er spricht von der gleichzeitigen „Himmel-Hölle“. Je mehr wir uns vernetzen, umso mehr Vertrauen muss sichergestellt werden zwischen den Akteuren in den resultierenden Netzwerkstrukturen. Das gelte natürlich auch für die Wohnungswirtschaft bei der digitalen Vernetzung mit ihren Mietern. Die Perspektive, die Gerd Leonhard für die Zukunft sieht, liegt in einer Symbiose von Mensch und Technik und nicht in einem „Gegeneinander“. Und Beziehungen, da ist er sich sicher, können Menschen ohnehin besser pflegen als Maschinen und Algorithmen.

Bei der abschließenden Panelrunde diskutierte Corinna Wohlfeil mit Daniel Domscheit-Berg, Axel Gedaschko, Gerd Leonhard und Prof. Ulrich Weinberg noch einmal die in den vielfältigen Inputs aufgeworfenen Fragen. Auch wenn es Unterschiede in Details gab, so war man sich schnell einig: Die Digitalisierung lässt sich nur gemeinsam gestalten, digitale Bildung spielt eine Schlüsselrolle und kreative, kollaborative Ansätze zum Ausprobieren neuer Lösungen führen zum Ziel. Man hatte das Gefühl, dass die Panelteilnehmer sich am liebsten gleich verabreden würden, um gemeinsam Projekte für die Zukunft zu entwickeln. So gesehen wurde das Motto des Aareon Kongresses 2018 zum Ende quasi Wirklichkeit: Next Level Networking.