Rückblende

von Kai Heddergott

Digitalisierung als kontinuierlicher Prozess: Next Level Evolution

von Kai Heddergott

Davon, dass der Einstieg in den Aareon Kongress auch für die Teilnehmer zu einer digitalen Normalität geworden ist, zeugten erneut die Beiträge auf der mobilen Kongress-Plattform m.aareon-kongress.de. Sie wurde bereits am ersten Tag eifrig genutzt. Der Start mit Golfrunde und Mountainbike-Tour stand 2019 im Wortsinn unter einem guten Stern. Das für unseren Globus zuständige Zentralgestirn strahlte nämlich den ganzen Tag vom blauen Himmel bis zum Sonnenuntergang. Und strafte die schon sprichwörtliche Feststellung „Wenn bei Aareon der Bayerische Abend begangen wird, regnet es“ Lügen. An der diesjährigen Ausweich-Location am Hausberg (der traditionell genutzte Auslauf am Fuße der Olympiaschanze stand wegen Umbauarbeiten nicht zur Verfügung) war es bis zum Schluss sommerlich warm und die Sterne funkelten über dem Festzelt.

Das seit 2018 eingespielte Moderatoren-Tandem mit der Fernsehjournalistin Corinna Wohlfeil und Dr. André Rasquin, Mitglied des Aareon-Vorstands, begrüßte die Teilnehmer am zweiten Kongresstag und führte in das Programm der kommenden Tage ein.

Künstliche Intelligenz als Megatrend auch für die Wohnungswirtschaft

Dr. Manfred Alflen, Vorstandsvorsitzender der Aareon AG, zitierte zu Beginn seines Auftaktvortrags „Join the next level evolution“ den Google-CEO Sundar Pichai: „KI first“ werde das bislang geltende Paradigma „Mobile first“ ablösen und hat es teilweise schon getan. Das wurde durch die virtuelle Weltreise, auf die Dr. Alflen die Teilnehmer in seinem Vortrag mitnahm, sehr anschaulich: In wenigen Minuten zeigte er, wo und wie künstliche Intelligenz Städte zu Smart Cities macht und konkret z. B. in der Pflege hilft, die gewünschten Dienstleistungen im Alltag sicherzustellen. Der Route ging dabei von Wien über Bozen, Gelsenkirchen, Shenzen, Tokio und Köln zurück nach Garmisch-Partenkirchen. Ob datenbasiertes Quartiersmanagement, Smart Buildings oder Robotik im Bau – die künstliche Intelligenz ist in der Branche angekommen. Nach Prognosen der International Data Corporation werde sich bis 2021 die Anzahl der weltweiten „Smart City“-Projekte verdoppeln. Der Immobilienwirtschaft eröffne das zum einen große Chancen für Prozessoptimierung und neue Geschäftsmodelle, zum anderen erfordern die damit einhergehenden Implikationen für Gesellschaft und Wirtschaft eine ganzheitliche – auch ethische – Betrachtung.

Dr. Alflen stellte klar heraus: Wir brauchen hier Orientierungsvorgaben, das Zusammenspiel von Mensch und Maschine erfordert Regeln, die noch herauszuarbeitende ethische Maßstäbe berücksichtigen sollten. Denn letztlich entscheiden Menschen, wofür und auf welche Weise Lösungen mit künstlicher Intelligenz eingesetzt werden. Das gelte für alle digitalen Lösungen, die auf Methoden und Instrumente der künstlichen Intelligenz und auf Algorithmen zurückgreifen. Der Wohnungswirtschaft komme eine besondere Rolle zu, die Gestaltung von Wohnräumen in digitalen Zeiten verantwortungsvoll zu gestalten. Es gehe um Vertrauenswürdigkeit in der Dateninterpretation.

Die Bundesregierung habe die ethische Nutzung von Datenanalysen und künstlicher Intelligenz zur Chefsache erklärt und im letzten Jahr eine Datenethikkommission ins Leben gerufen, deren Sprecherin, Prof. Dr. Christiane Woopen, die Arbeit und die Ziele des Gremiums ja auch auf dem Kongress erkläre. Aareon werde die ohnehin hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung auch in Zukunft steigern. Auf eines wies Dr. Alflen schließlich deutlich hin bei all den Anstrengungen, die die Branche unternehme: Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sondern werde sich messen müssen an ihrem Beitrag zur Lösung konkreter Probleme.

Thomas Ortmanns, Mitglied des Vorstands der Aareal Bank Gruppe, betitelte seinen anschließenden Vortrag beim diesjährigen Aareon Kongress mit „Meilensteine setzen. Perspektiven schaffen.“ Er wies aus Sicht des Gesamtkonzerns darauf hin, dass mittlerweile zwar viel über internationales Geschäft gesprochen würde. Der deutsche Markt ist und bleibe aber besonders wichtig, zum einen weil er der Heimatmarkt sei, zum anderen aber auch deshalb, weil er der mit Abstand größte ist. Neben der Weiterentwicklung des Portfolios mit ERP-, CRM-, SRM-, und BRM-Lösungen sei für die Aareal Bank ein wichtiger Bestandteil der strategischen Agenda eine Intensivierung bestehender Kooperationen mit Start-ups und ein Ausbau eigener Inkubator-Aktivitäten. So können in Kombination mit Finanzdienstleistungen innovative und zukunftsfähige Angebote für die Wohnungswirtschaft sichergestellt werden.

Digitalisierte Prozesse zur Produktionssteigerung in der Baubranche

Wenn ein Verbandspräsident einen Vortrag hält, dann kann es schon einmal politisch werden. Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V., führte in seinem Vortrag „Robotik & Co. am Bau – wo der Fortschritt eine Schnecke ist“ detailliert aus, wie negativ sich die Herausforderung des Fachkräftemangels und die tatsächliche Produktivitätsentwicklung in der Baubranche auf die Immobilienwirtschaft auswirken. Gerade in Sachen Produktivität tue sich nämlich ein spürbares Problem auf. Die aktuell vollen Auftragsbücher würden nicht für den Leidensdruck sorgen, der nötig wäre, um anstehende Innovationen anzugehen. Hier sieht Gedaschko eine Chance in der Kooperation mit Start-ups, die frische Ideen mit Elan einbringen. Der GdW-Präsident zeigte mit einer ganzen Reihe von Beispielen, wie die Produktivitätsproblematik gelöst werden könnte: Ob beispielsweise der Roboter SAM aus den USA beim Mauern hilft oder pragmatische Konzepte für serielles Bauen in den Niederlanden als Vorbild dienen – laut Gedaschko lohne sich der Blick über die Landesgrenzen hinaus. Für Deutschland hat er einen Lösungsansatz parat: Mehr digitalisierte Prozesse mit im Ergebnis maschinell vorgefertigten Bauteilen, die klimaneutrale Bauten ermöglichen.

Torsten Rau, Geschäftsführer Operations der Aareon Deutschland GmbH, und Carsten Wiese, Geschäftsführer Markt Deutschland, traten bei ihrem anschließenden Vortrag „Die digitale Evolution in der Wohnungswirtschaft: So erreichen Sie Ihre Ziele mit den Bausteinen der Aareon Smart World“ zum ersten Mal als Duo auf. In ihren Ausführungen wurde erkennbar, welchen Schwerpunkt Aareon mit der Aareon Smart World bei Projekten zur digitalen Transformation setzt: Neben der Analyse und Optimierung von Prozessen steht stets der Mensch im Mittelpunkt. Mit einer digitalen Agenda werden Unternehmen eng begleitet: Führungskräfte werden gecoacht, damit sie ihre Mitarbeiter in Transformationsprozessen mitnehmen können. Aareon unterstützt beim Aufbau der nötigen digitalen Kompetenzen, um die zuvor definierten strategischen Ziele und Handlungsfelder auch wirklich erreichen bzw. praktisch angehen zu können. Dabei wird früh auf die Integration digitaler Lösungen geachtet: Wenn z. B. der Einsatz von Drohnen für die Verkehrssicherung eingeübt wird, ist die Verzahnung mit laufenden ERP-Systemen schon früh mit im Blick.

Mit Neugier, Emotion und Achtsamkeit den digitalen Wandel meistern

Die darauffolgende Keynote von Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph, Buch-Autor und Handelsblatt-Kolumnist, trug den Titel „Wild Knowledge – Outthink the Revolution“. Seine Kernfrage: In welcher Welt wollen wir leben? Wie nutzen wir digitale Technologien, um in einem achtsamen Miteinander eine erstrebenswerte Zukunft zu gestalten? Er richtete sich mit seinem Vortrag auch direkt an die Teilnehmer: Er habe tolle Use-Cases auf dem Aareon Kongress gesehen, frage sich aber: „Was wollt Ihr damit anfangen, denn Ihr seid die Entscheider?“

Bisherige nationalstaatliche Ansätze würden dabei nicht zielführend sein. Europa brauche ein eigenes, grenzüberschreitendes Modell in digitalen Zeiten, um wirtschaftlich relevant zu bleiben und angesichts des Wettbewerbs in den USA und in China bestehen zu können. Die Lösungen und Instrumente für unsere Zukunft liegen auf der Hand, wir müssten nur anders hinschauen. Und: Wir sollten mehr fragen und in Frage stellen, dabei auch Emotionen als einen Entscheidungsfaktor zulassen und mit Neugier die kommenden Herausforderungen anpacken. Für ihn ist der Rückgriff auf die Erkenntniswege bekannter Philosophen ein Weg, das erfolgreich anzupacken.

In den anschließenden Fachvorträgen und interaktiven Workshops wurden die in den Keynotes angesprochenen Themen und aktuelle Trends der Wohnungswirtschaft praxisnah dargestellt und intensiv erörtert. Das Themenspektrum war vielfältig und reichte von verändertem Mieterverhalten, PropTechs, Smart-City-Projekten, Building Information Modeling (BIM) in der Praxis, Kundenbeziehungsmanagement mit Wodis Sigma bis hin zum Einsatz von SAP® in der digitalen Transformation.

Auch 2019 preisgekrönt: Innovationen in der Wohnungswirtschaft

Ein Highlight des zweiten Kongresstages ist stets die Verleihung des DW-Zukunftspreises der Immobilienwirtschaft. Zum 16. Mal ging die Auszeichnung an Unternehmen, die sich durch besonders innovative Projekte auszeichnen. Axel Gedaschko, Präsident des GdW und Schirmherr des DW-Zukunftspreises der Immobilienwirtschaft, und Jury-Vorsitzender Prof. Dr. Franz-Josef Radermacher überreichten die Trophäen im feierlichen Rahmen des Galaabends an die Preisträger:

  • Die Joseph-Stiftung, Kirchliches Wohnungsunternehmen, Bamberg, erhielt den DW-Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft für ihren Beitrag Heute die Arbeitsplätze von morgen schaffen. Mitarbeiter befähigen und begeistern – das Unternehmen zukunftsfähig machen. Unter Nutzung moderner Werkzeuge wie etwa dem „Digital Co-Worker“ schafft die Joseph-Stiftung digitale Arbeitswelten und rückt in ihrem ganzheitlichen Ansatz den Menschen in den Fokus. Besonders wurde hervorgehoben, dass die Joseph-Stiftung ein eigenes Referat für „Innovation & Wissen“ geschaffen hat.
  • Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt, Frankfurt, erhielt die Auszeichnung für ihren Start-up-Accelerator hubitation, den sie 2018 gegründet hat und mit dem sie Start-ups auch finanziell unterstützt. Damit strebt sie die Stärkung der eigenen Innovationsfähigkeit an und bietet mit der Plattform einen Katalysator für innovative Geschäftsideen zum Thema „Wohnen der Zukunft“.
  • Die Vivawest Wohnen GmbH, Gelsenkirchen, wurde für ihr Projekt „Freiraum“ – Kreativräume Vivawest ausgezeichnet. „Freiraum“ zielt auf eine erfolgreiche digitale Transformation des Unternehmens, indem mit der Bereitstellung mehrerer Kreativräume innovatives Denken und Kreativität auch hierarchieübergreifend gefördert werden.

Pressemitteilung und Filme zu den diesjährigen Zukunftspreisträger

Es gibt Regionen in Deutschland, in denen entstehen Traditionen nach dem Verständnis der jeweiligen Landsmannschaft bereits bei einem zweiten Mal. Den Westfalen sagt man beispielsweise so etwas nach – für sie wäre der nach 2018 zweite Auftritt der Gesangs- und Tanztruppe Fresh Music Live also bereits ein traditioneller Beitrag an diesem Abend gewesen. Ganz gleich, ob die Kongressteilnehmer die international zusammengesetzte Sänger- und Tänzergruppe als gute alte Bekannte oder einen eher noch neuen Impuls für den Galaabend empfanden: Aus dem Stand ließen sie sich (erneut) von der Dynamik auf der Bühne mitreißen. Im Raum Werdenfels wurde der weitere Abend ebenfalls durch Live-Musik fortgeführt – für den einen oder anderen Teilnehmer wurde es dann etwas später am Abend, bevor es zurück ins Hotel ging...

Ethik als Gestaltungsaufgabe in der digital geprägten Welt

Den Auftakt für den abschließenden Kongresstag am Freitag lieferte Prof. Dr. Christiane Woopen, Sprecherin der Datenethikkommission der Bundesregierung und Vorsitzende des Europäischen Ethikrats. Die promovierte Medizinerin und Philosophin sprach in ihrer Keynote zum Thema „Der ethische Preis der Daten“. Sie stellte gleich zu Beginn klar heraus: Es geht nicht darum, möglichst viele Daten zu erfassen – vielmehr sei das Ziel, gute Daten zu generieren. In unserem digitalen Alltag bei Amazon, Facebook & Co., aber auch im digitalen Kontakt mit Unternehmen erzeugen wir alle sehr viele Datenpunkte, deren Verknüpfung belastbare Aussagen über unsere Interessen und Charaktere lieferten. Ein zentraler Mechanismus der Digitalisierung sei das Zusammenführen und Vernetzen bislang getrennter Bereiche, die diese Datenpunkte nutzen, was je nach Anwendung durchaus von Vorteil für den Nutzer sein kann.

Bei der Diskussion darüber, was im Fokus einer digitalen Ethik liegen sollte, gelte es aber drängende Fragen zu klären: Wer hat die Macht über die kombinierten Datenbestände und was macht er daraus? Hier liege das Potenzial für totalitäre Strukturen, so Prof. Dr. Woopen, die dabei auf das anschauliche Beispiel eines digital gestützten Social-Scorings in China verwies. Ethik habe stets ein sinnvolles, gelingendes Leben, das Entfaltung ermöglichen soll, zum Ziel. Einschränkende Ansätze wie die in China, die aus Daten Optionen für die weitere Lebensgestaltung der Nutzer nicht nur ableiten, sondern sogar vorgeben, laufen dieser Orientierung zuwider. Die Datenethikkommission, für die Prof. Dr. Woopen als Sprecherin fungiert, werde daher erörtern, wie die digitalen Wertschöpfungsketten der heutigen Zeit gerecht gestaltet werden können.

Einen Appell formulierte Prof. Dr. Woopen zum Ende ihrer Keynote: Die Zukunft sollte keine Rechenaufgabe, sondern eine Gestaltungsaufgabe sein, es gehe nicht um die Auswertung von Daten, sondern um das Erkennen von Bedeutungen. Der ethische Preis der Digitalisierung bemesse sich darin, inwieweit sie uns unsere Freiheiten und – im ethischen Sinne – Entfaltungsbedingungen weiter erhält. Nicht digitale Plattformen, die algorithmisch gestützte Handlungsempfehlungen nach dem Muster „Andere Kunden kauften auch“ geben, sollten die Autoren unseres Lebensnarrativs sein – das sollten wir schon selbst bleiben.

In der anschließenden Beiratsrunde diskutierten Thomas Hegel, ehemals CEO LEG (Aareon-Unternehmensbeirat), Dr. Wolfgang Pfeuffer von der Joseph-Stiftung (Wodis-Sigma-Beirat), und Samir M. Sidgi, Vorsitzender der Geschäftsführung der SWSG (SAP®-/Blue-Eagle-Beirat), mit den Moderatoren Corinna Wohlfeil und Dr. André Rasquin das Thema „Fest verbunden – das digitale Miteinander mit dem Mieter in der Praxis“. Klares Fazit der diesjährigen Beiratsrunde: Es geht aktuell nicht um weitere digitale Geschäftsmodelle, sondern vielmehr darum, in einer ehrlichen und schnellen Kommunikation, die die gelernten digitalen Kompetenzen der Mieter berücksichtigt, die Story der Wohnungswirtschaft besser zu erzählen und zu transportieren. Dafür sollten bereits im Markt befindliche Lösungen wie Mieter-Apps oder Social-Media-Kanäle erkennbar für einen beiderseitigen Nutzen eingesetzt werden, der auch den im Kongressverlauf diskutierten ethischen Normen entspricht.

Der große Bogen: Was die Weltpolitik mit der Digitalisierung hierzulande zu tun hat

Einen weitaus größeren Bogen schlug im Anschluss Sigmar Gabriel, ehemaliger Außen-, Wirtschafts- und Umweltminister sowie Vizekanzler, in seiner Keynote „Zeitenwende – wohin steuert die Weltpolitik“. Er leitete die aktuellen Machtgefüge in der Welt historisch her, zeigte auf, welche Rolle Deutschland in Europa spielte und spielt und machte klar, dass die G20 von G2 abgelöst wird: Nunmehr heiße es USA vs. China. Letzteres sei das Land, das derzeit die größten Summen in die Entwicklung künstlicher Intelligenz stecke. So machte der ehemalige Bundespolitiker klar, wie geopolitische Zusammenhänge und Entwicklungslinien ganz schnell zu relevanten Aspekten für die auch hier stattfindende digitale Transformation werden können. Das führe auch zu unbequemen Einsichten und zur Notwendigkeit, die Ärmel hochzukrempeln. Nur weil die großen Veränderungen uns noch nicht direkt erreicht hätten, heiße das nicht, dass sie nicht doch irgendwann kommen würden: „Es ist bei uns windstill, weil wir derzeit im Auge des Orkans sind.“ Europa müsse darauf hinwirken, als ein gemeinsamer, starker Markt aufzutreten und Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Dann habe man auch eine Chance in der Digitalisierung vorne mit dabei zu sein.

Zum Abschluss: Auf dem Weg zu einer digitalen Kultur

Die abschließende Talkrunde versammelte unter der Moderation von Corinna Wohlfeil noch einmal die Keynote-Speaker Sigmar Gabriel, Axel Gedaschko, Anders Indset und Prof. Dr. Christiane Woopen zur Diskussion der Frage „Wie entwickeln wir eine Kultur des Digitalen?“ Für Anders Indset lagen die Lösungen auf der Hand: Über Probieren und das Zulassen von Fehlern ergebe sich Fortschritt; Transparenz und Vertrauen seien wichtige Faktoren, um eine digitale Kultur gesellschaftlich zu verankern. Digitale Technologien können uns dabei helfen, das zielführend umzusetzen. Prof. Dr. Woopen wünschte sich, dass ein weiterer Begriff in der Diskussion mitgetragen wird: Für sie sei Vielfalt von zentraler Bedeutung. Soziale Medien neigen dazu, Echokammern und segmentierte Kulturen zu stärken. Nötig seien innovative Lösungen, die das aufbrechen, um konsensfähigen gesellschaftlichen Debatten auf breiterer Ebene mehr Raum geben zu können. Dabei sei die Frage des Alters der Menschen, die sich daran beteiligen, nicht so wichtig. Entscheidend wäre es vielmehr, alle zusammenzubringen in diesem Prozess.

Sigmar Gabriel vertrat die Meinung, dass wir Regeln brauchen, die ausschließen, dass Algorithmen Debatten verengen – dabei sei es ihm aber lieber, wenn die Unternehmen und Plattformen, bei denen das relevant sei, selbst dafür sorgten und es keiner Regulierung bedürfe. Axel Gedaschko wies darauf hin, dass Studien, die der GdW habe durchführen lassen, deutlich zeigten, dass die Menschen noch nicht wirklich auf alle Zusammenhänge der digitalen Welt vorbereitet seien. Einig war er sich mit Sigmar Gabriel, dass die vielgescholtene Datenschutz-Grundverordnung im Kern etwas Begrüßenswertes sei und ein europäisches Gütesiegel, das außerhalb Europas mehr positive Beachtung fände als bei uns. Hier sollte sich Europa auf den eigenen Ansatz selbstbewusst besinnen. Prof. Dr. Woopen wies schließlich darauf hin, dass Ethik und Regeln nicht immer als etwas Eingrenzendes verstanden werden sollten, sondern vielmehr als Ermöglichungsbedingungen – ganz im Sinne der Definition von Ethik.

Die Antworten der Talkrundenteilnehmer auf die abschließende Frage Corinna Wohlfeils, wie denn eine digitale Kultur gestaltet sein sollte, lässt sich so zusammenfassen: Sie sollte den Menschen ins Zentrum stellen, von wechselseitiger Achtung geprägt sein und Emotionen zulassen sowie die Rahmenbedingungen für ein fortwährendes Lernen schaffen, um auch künftige Herausforderungen meistern zu können.

Oder anders: Die digitale Ethik ist die nächste Aufgabe, die sich – nicht nur für die Wohnungswirtschaft, sondern ganz allgemein – im Zuge der digitalen Evolution für uns alle ergibt. Der Aareon Kongress 2019 konnte mit seinen vielen Programmteilen wichtige Impulse dafür liefern und mag auch in Zukunft als Kompass für die weitere Fahrt durch digitale Gefilde dienen.