Anders Indset

Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph: Wild Knowledge – Outthink the Revolution!

Es gibt keine digitale Transformation von A nach Z, sagt Anders Indset. Die Revolution hält an – und wischt scheinbar Unverrückbares beiseite. Erfolgreich wird da nur sein, wer weiter und wilder denkt. Indsets Diagnose: Wir sammeln mehr Wissen als Verstand. Wir haben viele Abschlüsse, aber uns fehlt der Sinn. Mit „10 Postulaten des Wandels“ weist der Norweger Führungskräften den Weg zum digitalen Mindset. Die Skills für morgen heißen Anpassungsfähigkeit und analytisches Denken. Indset verordnet „tiefe Kniebeugen für die Rübe“, plädiert für ein Verlernen, das uns wieder fokussiert, für Neugier und neue Sichtweisen. Entschleunigung tut not, um Dinge hinterfragen und reflektieren zu können: Wer sind wir? Und was wollen wir? Die alten Fragen der Philosophie sind ein solides Werkzeug für die neue Zeit. Denn Fortschritt und Innovation entstehen nicht in der eigenen Komfortzone. Wandel geschieht erst, wenn man Fragen stellt, denen andere ausweichen.

Drei Fragen an Anders Indset

Frage: Wie viel Zeit nehmen Sie sich am Tag, um über Dinge nachzudenken, die nicht unmittelbar Ihre Arbeit betreffen?

Antwort: Ich unterscheide nicht zwischen „Work“ und „Life“. Für mich gilt die „Life-Life-Balance“. Denn alle meine Gedanken betreffen indirekt oder direkt meine Arbeit. Ich verbringe täglich mehrere Stunden mit Denken und Schreiben.

Frage: Frauen, haben Sie einmal gesagt, können vieles besser als Männer. Was können Ihre Töchter besser als Sie?

Antwort: Das „Fehltastische“ und Explorative meiner beiden Töchter inspiriert mich jeden Tag aufs Neue. Das wäre nicht anders, wenn ich Söhne hätte. Sie bewegen sich befreit von Raum und Zeit durch ihre Tage und sind voller Kreativität außerhalb von System- und Modell-Denken. Und genau diese Herangehensweise können wir uns alle von Kindern abgucken, denn so haben wir auch als Erwachsene die Möglichkeit, uns Aufgabenstellungen völlig neu zu nähern und uns auszuprobieren. Aber klar ist, dass klassische Verhandlungsführung und Leadership sich zwischen Kindern und Erwachsenen nicht gut vergleichen lässt. Wenn meine kleine Tochter allerdings morgens um 6 Uhr an meinem Bett steht und freudig ruft: „Papa, steh auf – ich will mit Dir spielen!“, dann kann ich nur über ihre Energie staunen und es ist völlig klar, dass ich wenig später mit ihr schlaftrunken in ein Land der Feen und Elfen eintauche. Da setzt sie sich immer durch und das ist ja auch gut so.

Frage: Eine Episode der Netflix-Serie „Black Mirror“ entwarf 2016 das Zerrbild einer Gesellschaft, in der Social Ranking über die Chancen des Einzelnen entscheidet. China hat 2014 bereits ein Konzept für ein solches Scoring-System vorgelegt. 2020 wird es eingeführt. Überholt die Realität die Science Fiction?

Antwort: Beide Welten rücken enger zusammen, denn der Abstand zwischen dem, was wir uns vorstellen können (Fiktion) und dem, was wir als Realität verstehen, wird immer kleiner. Die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte sind heute so schnell, dass wir fast jede unserer Vorstellungen sofort umsetzen können. Deshalb wird eine Frage in Zukunft besonders wichtig: Was ist wirklich erstrebenswert?

Frage 1: Welche Tugenden sind Ihnen am wichtigsten?

Frage 2: Mit welchen drei Begriffen würden Sie sich beschreiben?

Frage 3: Was war die bislang tiefgreifendste Veränderung in Ihrem Leben?

Frage 4: Aus welchem Fehler haben Sie am nachhaltigsten gelernt?

Frage 5: Welches Buch hat Sie am meisten beeindruckt?

Frage 6: Welches Rüstzeug sollte nachfolgenden Generationen im Hinblick auf die Digitalisierung Ihrer Ansicht nach unbedingt an die Hand gegeben werden?

Frage 7: Künstliche Intelligenz beflügelt die Mensch bald in jeder Hinsicht. Was macht uns aus Ihrer Sicht als Menschen künftig noch einzigartig?

Frage 8: Von welcher Persönlichkeit würden Sie gerne die Antworten auf diese gestellten Fragen lesen?

Frage 9: Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, würden Sie gerne beantworten?

Frage 10: Hier können Sie Ihre Frage auch direkt beantworten:

Mit Philosophie in die digitale Zukunft – Anders Indset: CEOs, Geschäftsführer und auch Politiker müssen nicht schneller denken – sie brauchen im Gegenteil mehr Zeit zum Nachdenken

Interview mit Anders Indset geführt von Kai Heddergott, erschienen in „Wohnungswirtschaft heute“

In scheinbar immer kürzeren Abständen rollt die nächste Innovationswelle über uns, immer schneller scheint sich das Technologierad zu drehen. Entscheider müssen diesen Takt halten oder lernen, Geschwindigkeit aufzunehmen in der Ära des digitalen Wandels. Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph und aufgrund seiner Vorträge oft als „Rock’n’Roll Plato“ bezeichnet, sieht unsere Zukunft und das, was Entscheider dabei leisten sollten, differenzierter. Im Interview mit Kai Heddergott macht er deutlich: (Nach-)Denken und Philosophie sollten im Mittelpunkt von Entscheidungsprozessen stehen.

Frage: Herr Indset, alles spricht von der „Digitalen Transformation“. Das hört sich ja so an, als ob wir nach deren Bewältigung und dem dazugehörenden Veränderungsprozess an einen erstrebenswerten Punkt gelangen könnten. Ist das tatsächlich so – und worauf sollten Entscheider bei der Gestaltung der Digitalisierung achten?

Antwort: Ich persönlich kann mit dem Begriff der „Digitalen Transformation“ nichts anfangen. Was transformieren wir wohin, was soll am Ende der Transformation erreicht sein? Der Begriff legt nämlich tatsächlich nahe, dass wir wüssten, welcher Zustand „danach“ erstrebenswert wäre.

Wir sollten den Blick lieber darauf lenken, wie wir mit permanent neuen Anforderungen an neue Gegebenheiten zurechtkommen. Der schnelle, digitale Takt, also die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft mit einer höheren Geschwindigkeit als bei früheren Veränderungsprozessen, macht ein neues Denken bei Entscheidern nötig. Tatsächlich müssen CEOs, Geschäftsführer und auch Politiker nicht schneller denken – sie brauchen im Gegenteil mehr Zeit zum Nachdenken. Denn neben spannenden und wegweisenden technologischen Innovationen wird es künftig auf interdisziplinär arbeitende und vor allem denkende Entscheider ankommen. In einer Zeit, in der immer mehr durch Algorithmen und Maschinen mitbestimmt wird, brauchen wir eine Renaissance der Denker.

Wenn wir nur auf die exponentiell voranschreitende technologische Entwicklung reagieren, werden wir am Ende von maschinellen Superintelligenzen manipuliert. So vielversprechend künstliche Intelligenz, Deep Leaning und Co. für die Automatisierung von Prozessen und Arbeitsabläufen auch scheinen mögen: Wir müssen aufpassen, dass wir bei diesem Kampf mit den Algorithmen nicht auf der Strecke bleiben. Und wir müssen unser ökonomisches Betriebssystem baldmöglichst anpassen.

Frage: Das hört sich so an, als ob das klassische Manager-Wissen und das bisherige ökonomische Handwerkszeug ausgedient haben oder aber erweitert werden sollten. Müssen wir den Werkzeugkasten von Entscheidern neu bestücken?

Antwort: Wir brauchen vor allem eine neue Sichtweise und ein neues Denken. Bislang sind wir in vielen Fällen Dopamin-gesteuerte Zombies, die eher reagieren als gestalten. Da die Zukunft aber nicht so linear verlaufen wird, wie uns der technologische Fortschritt suggeriert, sollten wir uns an Denkmodellen orientieren, die mit unsicheren oder unscharfen, bisweilen sogar chaotischen Zuständen zurechtkommen. Wir können da von der Quantenmechanik lernen, die genau das tut – ich spreche daher bei der Betrachtung der ökonomischen Zukunft auch von einer Quantenwirtschaft.

Und ich bin der Meinung, dass uns eine Rückbesinnung auf die klassische Philosophie weiterhelfen wird. Reflexionsfähigkeit wird eine der wichtigsten Eigenschaften von erfolgreichen Unternehmern oder Entscheidern werden. Solche kreativen Köpfe oder Konzerngründer und -lenker wie Bill Gates nehmen sich in der Tat viel Zeit zum Nachdenken und Lesen. Sie nehmen sich die nötige Zeit, Dinge infrage zu stellen. Diese Denkpausen vom sonstigen schnellen Entscheiderhandeln in digitalen Zeiten sind auch wichtig für eine geistige Erholung. Nicht umsonst ist so etwas wie Resilienz als zentrales Thema in der Arbeitswelt entdeckt worden.

Es geht darum, ein anderes Bewusstsein zu entwickeln. Wir haben derzeit so viele physisch fitte CEOs wie nie zuvor – die achten einfach mehr auf ihre körperliche Gesundheit. Dazu müssen sich aber tiefe Kniebeugen für die Rübe gesellen. Die Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen auch klassischer Philosophen hilft dabei. Dazu gehört auch die Klärung der Frage: Wie funktioniert Denken? Es geht darum zu erörtern, welche Denkmodelle sowohl Innovationsfähigkeit, wirtschaftliche Entwicklung als auch das Fortkommen unserer Gesellschaft sichern helfen.

Frage: Mit welchen Fragen sollte man sich als Entscheider denn Ihrer Meinung nach auseinandersetzen, wenn man diese neue Denkweise angeht?

Antwort: Die wichtigste Frage lautet: „In welcher Zukunft möchten wir leben?“ Soll das eine von Algorithmen bestimmte Welt sein, in der uns alles allzu Prozesshafte abgenommen wird? Und was kommt vor allem danach? Was beispielsweise den Ökokollaps angeht: Da haben wir nur noch rund zehn Jahre Zeit, die wirklich nötigen Weichenstellungen vorzunehmen. Und auch in diesem begrenzten Zeitraum kommt es darauf an, sich die Zeit für die richtigen Fragen zu nehmen. Welche Entwicklung mit welchem Ergebnis stellt eine nachhaltige Sinnhaftigkeit dar?

Es ist nicht zielführend, mit noch mehr Daten in cleveren Big-Data-Analysen nur weitere Optimierungspotenziale aufzuzeigen. Und es geht nicht darum, die künstliche Intelligenz in Richtung Superintelligenz zu entwickeln, die uns gewissermaßen überflüssig macht. Wir sollten unseren Platz in der Zukunft klar definieren. Dazu gehören ethische Erwägungen, die Wechselwirkung zwischen Pathos, Emotion und dem Logos, also der Vernunft. Und dazu gehört auch, was uns zum Beispiel Heidegger zum Wert des Denkens an sich oder Platon zur Unterscheidung von Wissen und Meinung sagen kann. Das führt zu einer philosophischen Kontemplation – und das macht dann wieder fit für den schnell getakteten unternehmerischen Alltag.

Ich wünschte mir daher, dass Entscheidungsträger in Zukunft nicht mehr nur fragen „Was bringt das meinem Unternehmen?“ – sondern viel öfter „Was würden die Vordenker von einst heute tun?“ Es liegt noch in unserer Hand, die Zukunft zu gestalten, ob wir digital geprägte Lebensformen ohne Bewusstsein werden wollen – oder nachdenkende, infrage stellende Wesen. Im Land der Dichter und Denker sollte das doch eine mögliche Perspektive sein.