Prof. Dr. Claus Kleber

Prof. Dr. Claus Kleber, Journalist (Bildnachweis: ©ZDF)

„Die Zukunft wird ein Wahnsinn“ – Wie Silicon Valley das Schicksal der Menschheit steuert

Als Anchorman des „heute journal“ informierte uns Claus Kleber fast zwei Jahrzehnte lang über das Geschehen in der Welt. Dabei ist er nicht nur auf dem nationalen Parkett zu Hause, sondern gilt als einer der besten Kenner der US-amerikanischen Politik und Medienlandschaft. In seiner Keynote gewährt er einen exklusiven Einblick in seine aktuelle Reportage, die basierend auf dem 2016 erschienenen Film „Schöne neue Welt“ ein Update über die Auswirkungen und Entwicklungen der neuesten Tech-Trends aus dem Silicon Valley gibt – speziell aus europäischer Sicht. Neben dem schillernden Faszinosum Silicon Valley geht es dem Journalisten dabei vor allem um die Bedeutung, die die bahnbrechenden Technologien für Menschheit und Menschlichkeit haben.

Auswirkungen und Entwicklungen der neuesten Tech-Trends aus dem Silicon Valley, auch für uns – Prof. Dr. Claus Kleber spricht Klartext

Interview mit Prof. Dr. Claus Kleber, erschienen in Wohnungswirtschaft heute. digital Ausgabe 23

Als Anchorman des „heute journal“ informierte uns Prof. Dr. Claus Kleber fast zwei Jahrzehnte lang über das Geschehen in der Welt. Dabei ist er nicht nur auf dem nationalen Parkett zu Hause, sondern gilt als einer der besten Kenner der US-amerikanischen Politik und Medienlandschaft.

In seiner Keynote „Die Zukunft wird ein Wahnsinn – wie Silicon Valley das Schicksal der Menschheit steuert“ auf dem Aareon Kongress 2022 gewährt er einen exklusiven Einblick in seine aktuelle Reportage, die basierend auf dem 2016 erschienenen Film „Schöne neue Welt“ ein Update über die Auswirkungen und Entwicklungen der neuesten Tech-Trends aus dem Silicon Valley gibt – speziell aus europäischer Sicht. Neben dem schillernden Faszinosum Silicon Valley geht es dem Journalisten dabei vor allem um die Bedeutung, die die bahnbrechenden Technologien für Menschheit und Menschlichkeit haben.

Frage: Bereits 2016 waren Sie für den Dokumentarfilm „Schöne neue Welt“ im Silicon Valley und haben dort viele Pioniere interviewt. Wie war Ihr Eindruck nun fünf Jahre später, als Sie für Ihre neue Reportage zurückgekehrt sind? Welche Entwicklung, welche Technologie hat Sie am meisten überrascht oder auch fasziniert?

Antwort: Es hat sich vieles verändert, der Fortschritt ist rasant weitergegangen, aber mir fiel vor allem die veränderte Stimmung auf. 2015/16 stießen wir auf Zuversicht und ein fast unbändiges Selbst bewusstsein. Wenn die Tür erst einmal geöffnet wurde – was alles andere als einfach war –, gab es auch große Lust, mit uns zu sprechen. Man hatte ja etwas Großartiges zu verkaufen.

Aber dann kamen schnell hintereinander die Erfolge der Brexit-Bewegung in Großbritannien und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA. Beides wäre wohl ohne die sogenannten Sozialen Medien, die Werkzeuge und Geschöpfe von Silicon Valley nicht möglich gewesen. Seitdem ist es sehr viel schwieriger geworden, in diese Betriebe hineinzukommen. Dabei sind die Entwicklungen dort noch aufregender geworden.

Frage: Sie haben für Ihre erste Reportage über das Silicon Valley Astro Teller, den Leiter von Google X, interviewt. Der sagte, auch wenn die digitale Revolution die Menschen überfordert, sei es effektiver, die Gesellschaft an die Technologie anzupassen, als umgekehrt. Welche moralischen und gesellschaftlichen Folgen ergeben sich dadurch Ihrer Meinung nach?

Antwort: Astro ist ein faszinierender Kerl, umfassend gebildet und hoch dynamisch. Ich fand ihn beeindruckend. Er kann einen großen Beitrag für technischen Fortschritt leisten. Aber es muss Grenzen geben für das, was solche Zauberlehrlinge machen. Wir müssen darauf drängen, dass technische Entwicklungen, die unsere gesamte Gesellschaft grundstürzend verändern werden, nicht allein den Ingenieur*innen und Risiko-Kapitalgebern überlassen werden dürfen. Die Gesellschaft, wir alle, müssen Rechenschaft einfordern und Raum für Überlegung und Steuerung schaffen.

Frage: Im Film „Schöne neue Welt“ werden Forderungen laut, die technologischen Möglichkeiten des Silicon Valley einzuschränken, um ein moralisches Minenfeld zu vermeiden. Gleichzeitig scheint die Legislative zu behäbig zu sein, um darauf angemessen reagieren zu können. Wie schätzen Sie den Mangel an Regulation durch Washington in Bezug auf das Silicon Valley und dessen immer weitergreifende Technologie-Innovationen ein?

Antwort: Da ist Washington nicht alleine. Es ist schwer, einem galoppierenden Mammut noch ein Zaumzeug anzulegen und ihm eine Richtung zu geben. Und doch muss es gelingen. Es ist auffallend, wie sehr auch Amerika da auf Europa schaut. Nicht auf Deutschland, wohlgemerkt, auf Europa. Die Bereitschaft ist gewachsen, da zusammenzuarbeiten und beispielsweise die Bemühungen der EU-Kommission nicht nur als einen Angriff auf amerikanische Erfolgskonzerne zu werten.

Frage: Am Ende Ihrer 2016 erschienenen Reportage ziehen Sie das Resümee, dass wir Europäer uns in unserer Sichtweise dahingehend von dem kalifornischen Mindset unterscheiden, als dass wir Neuerungen und technologischen Fortschritt kritischer hinterfragen. Mal andersherum gefragt: Was könnten wir uns – und vielleicht auch speziell die deutsche Immobilienwirtschaft – vom Silicon Valley abschauen?

Antwort: Vielleicht ist die Immobilienwirtschaft sogar ein besonders geeigneter Anknüpfungspunkt. In Silicon Valley, dieser schmalen Landschaft südlich von San Francisco, ist eine unfassbare Konzentration von Reichtum entstanden. Dort liegt die höchste Konzentration von Milliardären – Menschen mit tausenden, manche mit hunderttausenden Millionen Dollar Vermögen. Und gleichzeitig begegnete uns im Valley – und in seiner inoffiziellen Hauptstadt San Francisco – Menschen, die sich mit einer exzellenten Ausbildung und einem guten Job kein Dach über dem Kopf leisten können. In unserer Zeit müssen technischer Fortschritt und soziale Verantwortung in einer Weise zusammenkommen, die sich nicht mit mildtätigen Gaben von oben nach unten zufrieden gibt.